Der menschliche Kosmos
Eine Buchrezension von Dr. Andreas Zeuch

Immo Sennewald
Der menschliche Kosmos
Gefühle - Konflikte - Strategien
Salier Verlag, 2006

Wer die fraktale Kunst beherrscht, in Fragmenten das Ganze zu erkennen, der wird viel Freude an diesem Buch haben. Wer sich von - wie es auf dem Buchrücken selbst lautet - „Fundsachen“ inspirieren lassen kann, wird reich belohnt. Und wer dann noch bereit ist, die „praktischen Übungsstückchen“ zu erkunden, wird aus eigener Erfahrung Neues lernen können.

Immo Sennewald wendet sich in seinem Buch dem Dreiklang „Gefühle - Konflikte - Strategien“ zu. Und zwar auf allen systemischen Ebenen. Angefangen im Paarkonflikt, den er als ebenso amüsante wie lebendige Geschichte illustriert, die er beim nachbarschaftlichen Ehepaar auf skurrile Weise miterleben musste; über die Konflikte auf der höheren Ebene in Unternehmen und Organisationen, natürlich ebenso mit Beispielen aus dem Leben gegriffen, bis hin zu den großen globalen Konflikten und Fragen nach einer wirksamen Lösung.

Der Kern seiner Untersuchung ist seine in großen Lettern geschriebenen Einsicht: GEWALT MACHT LUST. Gewalt ist weder gut noch böse, weder gerecht noch ungerecht, denn dazu wird sie erst in den Augen des Betrachters. Eines aber ist Gewalt laut Sennewald, und da ist ihm vollends Recht zu geben: „Eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels.“ Daraus leitet sich dann die zentrale Einsicht ab, dass es keinen Sinn macht, nach den Ursachen der Gewalt zu forschen. Die Lösung liegt vielmehr darin, die Ziele des Gewalttätigen zu entdecken.

Diese Einsichten sowie die systemisch-konstruktivistische Erkenntnis, dass wir niemals objektiv wahrnehmen und das unser Blick in die Vergangenheit von den eigenen Zielen motiviert und durchdrungen ist, bildet den roten Faden, der sich fortan durch alle möglichen Lebensbereiche zieht: Die Erschaffung des An-Gestell-ten, mit Verweis auf Heidegers Gestell, über die Entdeckung und Verstellung des Körpers, den Eigennutzen in einem egozentrischen Weltsystem, den Sozialstaat und die Fiktion sozialer Gerechtigkeit, über die Macht der Rituale und die Rituale der Macht sowie das Gespenst der Freiheit führt der Weg letztlich zu einer Weltkultur mit einem Ausblick auf globale Strategien.

Dazwischen findet der Leser immer wieder anregende Übungen und Anleitungen zu Selbstexperimenten, die es erfrischend ermöglichen, Sennewalds Gedanken in den eigenen Erfahrungshorizont zu holen, ohne dabei in tumbe Patentrezepte zu verfallen. Der Leser wird dauernd gefordert, mitzudenken, sich selbst zu hinterfragen, sein eigenes Erleben zu prüfen und die eigenen Ziele zu erkennen und in Bezug zu setzen zu den Konflikten, denen er oder sie begegnet.

„Der menschliche Kosmos“ ist in diesem Sinne nicht ein Lehrstück, sondern viele; er ist eine Geschichten- und Geschichtssammlung; ein Tanz zwischen Geschichte, Philosophie, Psychologie, Soziologie, Physik und dem prallen Leben. Und er ist ein Experimentallabor zum Erkunden eigener Wahrnehmungen, Interpretationen und Schlussfolgerungen. Der menschliche Kosmos ersetzt das „Warum?“ durch das „Wozu?“ und ist das, laut Sennewald selbst, unvollkommenste Buch aller Zeiten. Gerade dieser Superlativ ist ein guter Grund, den Buchdeckel aufzuschlagen und mit dem Lesen zu beginnen.




Buchbeschreibung des Verlags

Buch bei Amazon bestellen

integral.blog: Intuition und Nichtwissen im Business