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1. Warum treiben Menschen Wissenschaft?
Vier große Fragen beschäftigen Menschen seit jeher: Wer bin ich? Warum gibt es mich? Wohin gehe ich? Weshalb gibt es nicht nur Gutes, sondern auch Böses, Krankheit, Leid und Tod? Seit jeher denken Menschen über das Geheimnis der Welt nach und forschen nach seinem Sinn. Es gehört zu den Urbedürfnissen des Menschseins, die Welt kennen zu lernen, in der wir leben. Ist es doch schlicht eine Frage des Überlebens, zu wissen, was man essen kann, wie man sich schützt gegen Gefahren, wie man sich wappnet gegen Feinde und Krankheit, wie man sich das Leben angenehm und lebenswert machen kann. Den „natürlichen Menschen“, der seine Welt einfach als gegeben hingenommen hätte, hat es wohl nie gegeben.
Als Wesen mit Bewsstsein, Vernunft und Verstand haben wir gar keine andere Wahl, als immer tiefer in die Geheimnisse und Gesetzmäßigkeiten des Universums und der Materie einzudringen. Als einziges aller Lebewesen haben wir die Freiheit und die Verantwortung, die Welt bewusst zu gestalten und ihr unsere Menschenwelt entgegenzusetzen. Menschliche Wirklichkeit ist die durch Kultur, Technik und Wissenschaft, Kunst, Philosophie und nicht zuletzt durch Religion gestaltete Menschenwelt. Unstillbare Neugier und Sehnsucht läßt uns nach dem Grund und Wesen, der Beschaffenheit und dem Sinn aller Dinge fragen. Tiefer und tiefer dringen wir in die Natur ein und vor in das Weltall, wir befahren Himmel und Erde, Meere und Länder, den eigenen Körper, Leib und Seele, um uns selbst in der Tiefe der Wirklichkeit zu erfahren und zu begreifen.
Von den Antworten, die wir finden oder uns geben lassen, hängt also nicht nur ab, wie wir uns die Welt vorstellen und einrichten, sondern unser Lebensgefühl, unser Verhältnis zu den Dingen und zu anderen Menschen, was wir für wert oder unwert erachten, was wir fürchten und wem wir vertrauen, kurzum: unsere persönliche Identität. Immer wieder wird uns schmerzlich bewußt: Menschliche Wissenschaft leistet Erstaunliches, aber kann sie verhindern, dass der Mensch in seiner Existenz bedroht ist, ja sich selber zunehmend bedroht? Je mehr wir wissen, umso deutlicher werden wir uns auch der engen Grenzen bewusst, die unserem Denken und Handeln gesetzt sind: Die Biosphäre bildet nicht mehr als einen hauchdünnen Schleier um unseren Planeten, und seine Lebenszeit ist begrenzt, wie unsere eigene Lebenszeit begrenzt ist. Trotz aller Medizin und Biologie ist Leben überaus zerbrechlich und stets gefährdet. Je eingehender die Physik die Materie mathematisch und experimentell versteht, umso weniger können wir uns das Ergebnis vorstellen. Das alles scheint immer wieder und immer mehr unsere Fassungskraft zu übersteigen.
• Dass die Welt, in der wir leben, uns ständig dazu zwingt, über unseren eigenen geistigen Horizont hinauszudenken, nötigt uns keineswegs, auf eine letzte Wirklichkeit, eine vernünftige kosmische Urkraft, ein höheres Wesen oder einen personhaften Gott und Schöpfer zu schließen.
• Doch entkommt niemand, der ernsthaft über Welt und Wirklichkeit nachdenkt, der Frage, welchen Sinn das alles macht, was er/sie da erforscht.
Man mag die Frage für unbedeutend halten oder sie zurückweisen, weil es nicht Sache des Naturwissenschaftlers sei über die höhere spirituelle Bedeutung seiner experimentellen Messergebnisse zu philosophieren. Tatsache ist aber:
• Wir haben alle unsere Vorverständnisse, die über die Wege, die Art und Weise wie auch die wissenschaftlichen Methoden mitentscheiden, die wir wählen, um uns die Wirklichkeit begreiflich zu machen.
Eine völlig voraussetzungslose Wissenschaft gibt es nicht, und dies gilt von allen Versuchen, die Welt zu erklären, ob wir dazu die Physik oder Metaphysik, die Mathematik oder die Theologie bemühen. Darauf möchte ich in einem zweiten Schritt jetzt näher eingehen.
2. Was bedeutet Transzendenz?
Transzendenz (von lat. „transzendere“ = übersteigen) hat in seiner Wortbedeutung den Sinn von: Übersteigung oder Überstieg. Allerdings erlaubt diese Grundbedeutung je nach Anwendungsgebiet mannigfache Wandlungen. Im Rahmen der klassischen Philosophie meinte Transzendenz zunächst einfach: »Unabhängigkeit vom Bewusstsein«. »Der Gegenstand« - erläutert zum Beispiel das Philosophische Wörterbuch - »übersteigt den Erkenntnisakt, steht ihm als etwas Selb-Ständiges« gegenüber. Mit anderen Worten: »Die Außenwelt übersteigt unser gesamtes Bewusstsein, das sich auf sie als etwas bereits Vorhandenes richtet.« (10)
Transzendenz meint von da abgeleitet mithin etwas »Über-Sinnliches«, »Über-Weltliches«, Transwissenschaftliches, das sich der unmittelbaren Erfahrung entzieht und nur dem deutenden Nachdenken zugänglich ist. Im religiösen Kontext bezeichnet Transzendenz schließlich die absolute Jenseitigkeit beziehungsweise »Überweltlichkeit Gottes«. Der Gegenbegriff zur Transzendenz ist der Begriff der „Kontingenz“. Er bezeichnet die Erfahrung der Grenze, die Erfahrung unserer Begrenztheit gegenüber der Wirklichkeit selbst. »Der Begriff Transzendenz wird [also] durch die Erfahrung gewonnen, dass der Mensch „auf der Suche nach Wirklichkeit“ ist.« (11) In der Suche nach dem Transzendenten suchen wir mit anderen Worten Antwort auf unsere Frage nach der Wirklichkeit selbst. Wenn es um die »Suche nach Wirklichkeit« geht, muss sich auch der Empiriker für das offen halten, was noch jenseits oder hinter dem Horizont seiner spezifischen Fragestellungen liegt und was vielleicht für immer jenseits der Fassungskraft menschlicher Wahrnehmung und Erkenntniskraft bleiben wird. Dabei muss man sich allerdings hüten - wie der Teufel vor dem Weihwasser -, Gott als „Joker“ für das menschliche Nichtwissen einzusetzen. Es gilt im Übrigen für die Theologie genauso wie für jede andere Wissenschaft, dass sie sich auf kreative Weise offen halten muss für immer wieder neue, innovative Fragestellungen und Bedeutungszusammenhänge, die sie auch selbst in Frage stellen können.
3. Das Denkbare und das Undenkbare
Umberto Eco widmet diesem Thema einen ganzen Roman: »Die Insel des vorigen Tages«. Auf packende Weise entrollt er an seinen Romanfiguren die auf typisch barocke Weise verschlungene und gewundene Kindheitsgeschichte der empirischen Naturwissenschaften und führt uns auf geradezu schmerzhafte Weise ein Problem vor Augen, vor dem Naturwissenschaft und Theologie, wenn auch heute mit viel besseren Voraussetzungen, immer noch stehen:
• Was wir wahrnehmen, ist abhängig davon, wie wir es sehen.
Heute können wir kaum noch begreifen, warum selbst überzeugte „Kopernikaner“ im 17. Jahrhundert nicht in der Lage waren, zu begreifen, dass zum Beispiel die Festlegung der Datumsgrenze eine rein pragmatische Frage war, die nichts Geheimnisvolles an sich hatte und Theologie oder Philosophie schon gar nichts anging. Aber genau das stimmte eben damals nicht! Das Problem der Datumsgrenze verwies und verweist uns auf sogar höchst dramatische Weise darauf zurück:
• Das philosophische oder theologische Daseinsverständnis, das unser Erkenntnisinteresse im Hintergrund leitet, entscheidet stets mit darüber, was wir erkennen oder nicht zur Kenntnis nehmen.
Wir stoßen auf ein grundsätzliches Problem aller Wissenschaft: Nicht nur Philosophie und Theologie, sondern auch die empirischen Naturwissenschaften betreiben keine voraussetzungslose Wissenschaft. Wissenschaftliche Objektivität findet ihre Grenze stets an der vorgestellten Welt des forschenden Geistes. Alle Wahrheit, alle Erkenntnis ist eine Frage der Perspektive, die wir einnehmen. Nur das Vorstellbare wird auch tatsächlich gedacht. Ich suche, was ich zu finden hoffe. Nicht gesuchte Entdeckungen machen ratlos oder sie werden archiviert, zumal wenn sie das eigene „wissenschaftliche Glaubenssystem“, das heißt den Kosmos der eigenen Vorannahmen, Theorien und Verfahrensweisen in Frage stellen. »Gott würfelt nicht«, war die barsche Antwort Albert Einsteins auf die Herausforderung der Quantenphysik. Er misstraute ihr zeitlebens, weil sie die wunderbare Ästhetik und geschlossene Harmonie seiner eigenen Wirklichkeitstheorie störte. (13) Das heißt:
• Nicht anders als bei den Geisteswissenschaften spielen auch im Hintergrund empirischer Naturwissenschaft unbewusst oder bewusst gewählte „Glaubenssysteme“ und Dogmen mit, die ständig mitbedacht und -reflektiert werden müssen, wenn forschendes Nachdenken zu innovativen Erkenntnissen führen soll.
Von hier aus gesehen zeigt sich der interdisziplinäre Dialog nicht nur als spannende Möglichkeit, die eigene Wissenschaft in anderen Horizonten zu erleben, sondern er öffnet auch den Blick für andere Methoden und Denkweisen, die wiederum die eigenen Fragestellungen verändern und dazu anleiten, bisher nicht Gedachtes zu denken und zu erforschen.
4. Theologie und Naturwissenschaft: Gegner oder Partner?
Wenn es stimmt, dass in unserer Zeit, nicht zuletzt als Folge der geistigen Krise der Religionen und der Krise eines allzu fortschrittsgläubigen Konzepts der modernen Wissenschaftsidee, die Sinnfrage wieder ins Zentrum rückt, dann sind Naturwissenschaft und Theologie dringend aufeinander angewiesen. Es kann dann nicht mehr darum gehen, wer in einem nutzlosen Konkurrenzkampf zwischen Glauben und Wissen am unabsehbaren Ende die Nase vorne hat. Ebenso wenig taugt ein friedlich schiedliches Nebeneinander, das in vermeintlicher Toleranz jedem seinen eigenen Spielplatz überläßt. Es gibt nur eine Wirklichkeit:
• Wahrheit ist unteilbar. So betrachtet gibt es zwar verschiedene Wege, um dem Geheimnis der Welt und des menschlichen Daseins auf die Spur zu kommen. Aber das Ziel ist dasselbe, nämlich zu einem Verstehen des Ganzen zu kommen.
Theologisches Denken nimmt in diesem Zusammenspiel seinen Anfang in einem gegen alle Zweifel festgehaltenen, vernünftigen Vertrauen darauf, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, einen tragenden Urgrund hat, aus dem wir nicht fallen werden, und ein in die Unendlichkeit ausgreifendes Sinnziel für alle Dinge, das uns dazu verantwortlich macht, über die Grenzen von Zeit und Geschick, Geschichte und Kosmos, ja über den eigenen Tod hinauszudenken. Die Ausrichtung auf eine solche letztlich transzendentale Dimension der universellen Wirklichkeit ist entscheidend für das theologische Denken. Die Vorstellung der Transzendenz kann freilich im Horizont der einzelnen Religionen, Philosophien und Weltanschauungen sehr unterschiedlich modelliert werden.
Naturwissenschaftliches Denken nimmt seinen Ausgang bei der empirischen Erfahrung und Erkundung der Wirklichkeit. Auch die empirische Forschung geht dabei letztlich von einem Glaubenssatz aus: nämlich dem fraglosen Vertrauen darauf, dass die Wirklichkeit, die der menschliche Geist erforscht, auch tatsächlich vorhanden ist und nicht nur das Phantom einer illusionären Selbstbeschäftigung des Gehirns mit sich selber darstellt. Dennoch können uns alle Messinstrumente und empirischen Forschungsmethoden nicht darüber hinweg helfen, dass wir die Welt immer nur mit unseren eigenen Augen beziehungsweise Instrumenten sehen und stets nur mit unserem eigenen Kopf denken. So sind Quantenphysiker und Astronomen auf ihre Weise mit Transzendenzerfahrungen konfrontiert, die zwar durchaus nicht religiös interpretiert werden müssen, aber doch viele Naturwissenschaftler zu philosophischen, ja religiösen Überlegungen angestoßen haben. Dann zum Beispiel, wenn sie mit ihren Ergebnissen an Grenzen stießen, wo Raum und Zeit, die Vorstellung von Materie und Energie, ja von Sein und Nichtsein überhaupt zu verschwimmen schienen.
Wie gesagt: Man kann solche Erfahrungen religiös deuten, aber man muss es nicht. Stets ist und bleibt auch eine agnostische Weltdeutung möglich. Ja, die Gefahr von Überinterpretationen und tendenziösen Spekulationen droht von beiden Seiten. Eine religiöse Interpretation muss sich ebenso rational verantworten können, wie eine nichtreligiöse. Weder darf die Theologie naturwissenschaftliche Erkenntnisse religiös vereinnahmen, noch darf empirische Wissenschaft der Theologie ihr Wirklichkeitsmodell überstülpen.
5. (K)ein Platz für Gott?
Bleibt da überhaupt Spielraum für ein religiöses Verständnis von Transzendenz, gar für einen personal ansprechbaren und antwortenden Gott? Kann Religion da noch mehr sein, als eine besondere Art der Ästhetik, eine besondere Kunst der Lebensverschönerung und -stilisierung, die dem Trost des im Kosmos ausgesetzten Menschen dient, aber letztlich keine Realität außerhalb der menschlichen Kultur und Geschichte beanspruchen kann?
Max Planck hatte in seinem berühmt gewordenen Vortrag über »Religion und Naturwissenschaft« (14) schon 1937 angemerkt, die heutige Quantenphysik lege nahe, dass sich sowohl die Theologen als auch die naturwissenschaftlichen Empiriker getäuscht haben: Die Theologen, sofern sie Gott für eine objektivierbare geistige Realität hielten, die man sozusagen auf den philosophischen und theologischen Seziertisch legen und wie andere Objekte menschlichen Interesses untersuchen könne; die modernen Empiriker, sofern sie in ihrem ebenso naiven Wissenschaftsglauben behaupten konnten, dass nur das wirklich existiere, was man im Experiment messen und mathematisch beschreiben könne. »Eine konsistente Erklärung der Quantenphänomene [komme nämlich] zu der überraschenden Schlussfolgerung, dass es eine objektivierbare Welt, also eine gegenständliche Realität, wie wir sie bei unserer objektiven Betrachtung als selbstverständlich voraussetzen, gar nicht „wirklich“ gibt, sondern dass diese nur eine Konstruktion unseres Denkens ist, eine zweckmäßige Ansicht der Wirklichkeit, die uns hilft, die Tatsachen unserer unmittelbaren äußeren Erfahrung grob zu ordnen. Die Auflösung der dinglichen Wirklichkeit offenbarte, dass eine Trennung von Akteur und Zuschauer, von subjektiver und objektiver Wahrnehmung nicht mehr streng möglich ist.« (15)
Planck kommt dann auf Werner Heisenberg zu sprechen, der deutlich gemacht habe, dass man einen Sachverhalt durchaus völlig klar verstanden haben und gleichzeitig doch wissen könne, dass man von ihm nur in Bildern und Gleichnissen reden kann. Und - so fährt Planck selber fort:
»Die Sprachlosigkeit religiöser Erfahrung greift in gewisser Weise mit der Quantenphysik auch auf die äußere Erfahrung über.
Die Quantenphysik machte wieder deutlich, dass unsere wissenschaftliche Erfahrung, unser Wissen über die Welt nicht der „eigentlichen“ oder letzten Wirklichkeit, was immer man sich darunter vorstellen will, entspricht. „Das wahre Wesen der Dinge bleibt verschlossen“, sagte schon John Locke. Durch unsere Sinneswerkzeuge und unsere Denkstrukturen prägen wir der Wirklichkeit ein Raster auf, das sie in ihren Ausdrucksformen beschränkt und in ihrer Qualität verändert.« (16)
Die physikalische Welt selbst erscheint auf diese Weise gewissermaßen als eine »Konkretisierung der Transzendenz«. Oder noch einmal mit anderen Worten gesagt:
• Die Wirklichkeit selbst ist uns transzendent. Die Welt wird zum Gedanken und die empirische Wirklichkeit zu einem geistigen Phänomen.
• Hier ist die entscheidende Frage nicht mehr, wie das Universum funktioniert, sondern ob es einen Sinn hat oder nicht - und ob es Gründe gibt, dies anzunehmen oder nicht. (17)
6. Die Insel des Menschen
Damit sind freilich lange nicht alle Fragen beantwortet und alle Rätsel gelöst. Doch haben wir mit diesen letzten Bemerkungen eine wichtige Einsicht gewonnen für das religiöse und das naturwissenschaftliche Gespräch. Wir leben als Menschen nicht einsam und beziehungslos in einem leeren, anonymen Weltall. Sondern in einer Art Metaraum menschlicher Wirklichkeit, die durch Bewusstsein, zwischenmenschliche Kommunikation, Geschichte und Freiheit bestimmt wird. Wir leben sozusagen auf einer Art Insel des Menschlichen, die unsere Erfahrung der kosmischen und alltäglichen Wirklichkeit durch und durch prägt und ausmacht. Diese Insel des Menschlichen ist, auf den Menschen bezogen, eine geistige Dimension im Universum wie Raum und Zeit, Materie und Energie.
• Mitten im Kosmos gibt es so etwas wie einen Bereich, der geschaffen und gestaltet wird durch Bewusstsein und Geschichte und sich immer mehr ausdehnt zum Raum von Bewusstsein, Personalität, Liebe und „Humanität“.
Damit wird die Zeit und der Wirklichkeitsraum des Menschen (ohne hier anthropozentrisch zu denken) zum Ausgangspunkt einer neuen (geistigen) Dimension, nämlich der Sinndimension im Universum.
Hier kommt für mich heute der entscheidenden Einsatzpunkt eines zeitgemäßen theologischen Nachdenkens über die physikalische Wirklichkeit zu Gesicht. Einsatzpunkt ist nicht direkt und unmittelbar „der Kosmos“ als solcher, sondern die in Bewusstsein, Personalität, Beziehung und Geschichte sich entwickelnde Menschenwelt (gr. „oikuméne“!). Von diesem geistigen Raum am Rande des Weltalls brechen wir auf zur geistigen, gedanklichen, mathematischen und auch religiösen Durchdringung des Kosmos „da draußen“. Von hier aus geschieht in der Tat eine Personalisierung der Wirklichkeit beziehungsweise der Wirklichkeitserfahrung, die im Horizont des Kosmos ebenso neu wie legitim ist.
Religiöses Denken ist für mich also zunächst etwas, was ursprünglich mit der „Menschenwelt“ zu tun hat und sie auf jeden Fall nie aus dem Blick verlieren darf, wenn es bei seiner Sache bleiben will. Aus diesem Raum menschlichen Daseins stoßen wir immer weiter vor in die Tiefen des Universums im nie endenden Bemühen, den kosmischen Prozess zu interpretieren und als Ganzes zu verstehen. Dabei überschreiten, transzendieren wir die Grenzen unserer „Menschenwelt“ immer aufs Neue. Jenseits der Schwelle des Bewusstseinsraumes, der unser Menschsein ja gerade ausmacht, hört alles Denken auf, so wie jenseits der Grenze der Zeit, am Anfang und am Ende des Universums alle Zeit aufhört. Wir stoßen an eine absolute Grenze, jenseits derer die reale Vorstellbarkeit und Berechenbarkeit endet.
• Nur mit Hilfe unserer mentalen Erkenntnismodelle haben wir überhaupt einen Zugang zur Wirklichkeit selbst. Ob wir uns dabei der „Landkarte“ der Mathematik, der Kunst, der Mystik oder der Religion bedienen, immer bewegen wir uns in Symbolwelten, die uns zwar eine Vorstellung des Wirklichen vermitteln, aber nie die Wirklichkeit selbst sind.
• Der Existenzraum des Menschen bildet mithin den Horizont und die Grenze auch menschlicher Gotteserfahrung und der theologischen Frage nach Existenz, Sein und Wesen Gottes.
Über Gott und die Welt jenseits des Horizonts unserer Menscheninsel lässt sich endlos weiterspekulieren. Möglich ist, dass unsere Insel dadurch weiter und weiter wächst, möglich auch, dass Gott jenseits unserer erkennenden Erfahrung existiert. Wichtiger allerdings erscheint es mir, dass Gott Wirklichkeit wird und gegenwärtig ist als Erfahrung in dieser Menschenwelt, und wichtiger ist, dass dieses Weltall in unserem Denken und Erkennen, in unserer dankbaren Verehrung seiner schöpferischen Kraft sich selbst immer mehr enthüllt und sich seiner selbst bewusst wird.
(10) J. B. Lotz, Art. Transzendenz, in: Philosophisches Wörterbuch. Unter Mitwirkung der Professoren des Berchmanskollegs in Pullach bei München u. a., hrsg. v. W. Brugger (Freiburg-Basel-Wien, 1963) 335-337, hier: 336
(11) E. Simons, Art. Transzendenz, in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Studienausgabe 6 (München 1974) 1540-1556, hier: 1540.
(13) Dieses Phänomen hat T. S. Kuhn in seiner Wissenschaftsgeschichte »Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen« (Frankfurt/M., 1978) sehr überzeugend und detailreich beschrieben.
(14) M. Planck, »Religion und Naturwissenschaft«, in: Vorträge und Erinnerungen (Darmstadt 1981) 318-333, zitiert nach: H. P. Dürr (Hrsg.), Physik und Transzendenz. Die großen Physiker unseres Jahrhunderts über ihre Begegnung mit dem Wunderbaren (Bern-München-Wien, 1996)
(15) Ebd., 12-13.
(16) Ebd., 15.
(17) Vgl. J. Polkinghorne in seiner Antwort an Weinberg, in: bild der wissenschaft 12 (1999) 48-51.
Lesen Sie auch: »Was können wir wissen?« Eine Diskussion des Physikers Prof. Herbert Müther und des Theologen Prof. Urs Baumann.
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